Dagmar Manzel gehört zu den vielseitigsten deutschen Künstlerinnen ihrer Generation. Einem großen Fernsehpublikum ist sie als Hauptkommissarin Paula Ringelhahn aus dem Franken-„Tatort“ bekannt. Ihre eigentliche künstlerische Heimat liegt jedoch auf der Bühne. Dort verbindet sie klassisches Schauspiel mit Gesang, Operette, Musical und einer ausgeprägten Freude an der Verwandlung.
Ihre Karriere reicht von der Theaterlandschaft der DDR über bedeutende Film- und Fernsehproduktionen bis zur Komischen Oper Berlin. Dabei hat sie sich nie auf einen bestimmten Rollentyp festlegen lassen. Sie kann streng, komisch, verletzlich oder exzentrisch wirken, häufig sogar innerhalb einer einzigen Figur. Diese Wandlungsfähigkeit erklärt, warum sie sowohl in ernsten Dramen als auch in temporeichen Musiktheaterproduktionen überzeugt.
Dagmar Manzel: Von Berlin-Friedrichshagen auf die große Bühne
Geboren wurde die Schauspielerin am 1. September 1958 in Berlin-Friedrichshagen. Sie wuchs als Tochter eines Lehrerehepaars auf und besuchte die Alexander-von-Humboldt-Schule in Köpenick. Von 1977 bis 1980 studierte sie an der Staatlichen Schauspielschule Berlin, die heute als Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch bekannt ist.
Bereits während der Ausbildung stand sie vor der Kamera. In einer von Thomas Langhoff inszenierten „Urfaust“-Produktion spielte sie Marthe Schwertlein. Die Studenteninszenierung wurde für das Fernsehen aufgezeichnet und vermittelte früh einen Eindruck von ihrer Bühnenpräsenz.
Nach dem Studium erhielt sie ihr erstes festes Engagement am Staatsschauspiel Dresden. Dort spielte sie unter anderem Maria Stuart sowie Prinzessin Eboli in Schillers „Don Carlos“. Solche klassischen Rollen verlangten sprachliche Genauigkeit, körperliche Disziplin und die Fähigkeit, große Gefühle glaubwürdig zu gestalten. Die Dresdner Jahre schufen damit eine Grundlage, von der ihre spätere Arbeit deutlich profitierte.
1983 wechselte sie an das Deutsche Theater Berlin. Dieser Schritt wurde zum entscheidenden Abschnitt ihrer Laufbahn.
Achtzehn prägende Jahre am Deutschen Theater
Bis 2001 gehörte sie fest zum Ensemble des Deutschen Theaters. In diesen achtzehn Jahren arbeitete sie mit Regisseuren wie Thomas Langhoff, Heiner Müller, Frank Castorf, Jürgen Gosch und Thomas Schulte-Michels. Das Haus war nicht nur ihr Arbeitsplatz, sondern ein künstlerisches Labor, in dem sie sehr unterschiedliche Formen des Schauspiels erproben konnte.
Zu ihren wichtigen Aufgaben zählten Rollen in „Der Kaufmann von Venedig“, „Die Fliegen“, „Quartett“ sowie „Hamlet/Hamletmaschine“. Später spielte sie unter anderem in Kleists „Amphitryon“, Tschechows „Onkel Wanja“ und Botho Strauß’ „Ithaka“. Das Spektrum reichte von klassischer Dramatik bis zu modernen, sprachlich und körperlich anspruchsvollen Theaterformen.
Auch nach dem Ende ihres festen Engagements blieb sie dem Deutschen Theater verbunden. Besonders erfolgreich war das Zweipersonenstück „Gift“ von Lot Vekemans, in dem sie gemeinsam mit Ulrich Matthes ein ehemaliges Ehepaar verkörperte. Die beiden Figuren treffen Jahre nach dem Tod ihres Kindes wieder aufeinander. Der Abend lebt weniger von äußerer Handlung als von Pausen, Erinnerungen und kaum ausgesprochenen Verletzungen. Für ihre Leistung erhielt sie 2014 den Deutschen Theaterpreis „Der Faust“.
Eine weitere bemerkenswerte Arbeit war Samuel Becketts „Glückliche Tage“. Als Winnie spielte sie eine Frau, die zunächst bis zur Taille und später fast vollständig in einem Erdhügel feststeckt. Die Rolle verlangt enorme Konzentration, weil Sprache, Mimik und minimale Bewegungen eine ganze Welt erzeugen müssen.
Zwischen DEFA, Kinofilm und anspruchsvollem Fernsehen
Parallel zum Theater entwickelte sich ihre Filmkarriere. In der DDR war sie unter anderem in Heiner Carows „So viele Träume“ zu sehen. Carow besetzte sie später auch in „Coming Out“, einem wichtigen Film der DEFA-Geschichte. Das Drama über einen Lehrer, der sich mit seiner Homosexualität auseinandersetzt, wurde ausgerechnet am Abend des Mauerfalls im Berliner Kino International uraufgeführt.
Nach der Wiedervereinigung gelang ihr der Übergang in die gesamtdeutsche Film- und Fernsehlandschaft ohne den Verlust ihres eigenständigen Profils. Sie spielte in Helmut Dietls Satire „Schtonk!“, in „Die Apothekerin“, „Nach fünf im Urwald“, „Crazy“ und Andreas Dresens „Willenbrock“.
Besondere Aufmerksamkeit erhielt sie mit dem Fernsehmehrteiler „Der Laden“ nach Erwin Strittmatter. Das Ensemble wurde dafür mit einem Grimme-Preis in Gold ausgezeichnet. In „Klemperer – Ein Leben in Deutschland“ verkörperte sie Eva Klemperer, die Ehefrau des jüdischen Literaturwissenschaftlers Victor Klemperer. Ihre Darstellung trug wesentlich dazu bei, dass die historische Serie nicht wie eine bloße Chronik, sondern wie eine persönliche Überlebensgeschichte wirkte.
Später folgten Rollen in Produktionen wie „Leben wäre schön“, „Die Nachrichten“, „Als der Fremde kam“ und „Frei nach Plan“. Für „Die Unsichtbare“ spielte sie eine Schauspiellehrerin, deren kompromisslose Methoden eine junge Darstellerin an ihre Grenzen bringen. Die Figur ist zugleich faszinierend, manipulativ und erschreckend. Für diese Nebenrolle gewann sie 2012 den Deutschen Filmpreis.
Weshalb das Musiktheater so gut zu ihr passt
Wer sie nur aus Fernsehkrimis kennt, könnte überrascht sein, wie stark Musik ihre Karriere geprägt hat. Ihre Arbeit als Sängerin ist kein dekorativer Nebenbereich. Auf der Musiktheaterbühne kommen ihr Rhythmusgefühl, komisches Timing und die Fähigkeit zugute, eine Figur auch durch einen Song zu erzählen.
Am Deutschen Theater übernahm sie die Titelrolle in Offenbachs „Die Großherzogin von Gerolstein“. Am Berliner Ensemble spielte sie die Hauptfigur in „La Périchole“. An der Komischen Oper Berlin war sie als Mrs. Lovett in Stephen Sondheims „Sweeney Todd“, als Lilli Vanessi und Katharina in „Kiss Me, Kate“ sowie als Golde in „Anatevka“ zu erleben.
Eine besonders fruchtbare Zusammenarbeit entwickelte sich mit Regisseur Barrie Kosky. In Produktionen wie „Ball im Savoy“, „Die Perlen der Cleopatra“ und „Eine Frau, die weiß, was sie will!“ konnte sie ihre Lust am schnellen Rollenwechsel ausleben. In der letztgenannten Operette verkörpern sie und Max Hopp gemeinsam zahlreiche Figuren. Kostümwechsel, Perspektivwechsel und Pointen folgen in hohem Tempo, ohne dass die Handlung unverständlich wird.
Auch ihre Liederabende zeigen, dass sie sich intensiv mit der Geschichte deutschsprachiger Unterhaltungsmusik beschäftigt. „Irgendwo auf der Welt“ widmet sich den Liedern des Komponisten Werner Richard Heymann. Das Programm „MENSCHENsKIND“ wiederum rückt Friedrich Hollaender in den Mittelpunkt. Dabei geht es nicht allein um nostalgisch bekannte Melodien, sondern ebenso um Exil, Vertreibung und die politischen Brüche des 20. Jahrhunderts.
Paula Ringelhahn und der Franken-„Tatort“
2015 trat sie erstmals als Kriminalhauptkommissarin Paula Ringelhahn auf. Gemeinsam mit Fabian Hinrichs als Felix Voss bildete sie das zentrale Ermittlerduo des Franken-„Tatorts“. Zum Team gehörten außerdem unter anderem Eli Wasserscheid als Wanda Goldwasser und Stefan Merki als Polizeipräsident Dr. Kaiser.
Paula Ringelhahn unterschied sich von vielen auffällig konstruierten Fernsehkommissaren. Sie brauchte weder eine spektakuläre private Tragödie noch eine demonstrativ exzentrische Eigenart. Ihre Stärke lag in der ruhigen Beobachtung. Die Figur konnte bestimmt auftreten, wirkte aber nie gefühllos. Gerade in Geschichten über Schuld, soziale Abhängigkeit und familiäre Konflikte entstand daraus eine glaubwürdige Autorität.
Nach zehn Fällen verließ die Darstellerin die Reihe auf eigenen Wunsch. Ihr letzter Film, „Trotzdem“, wurde 2024 ausgestrahlt. Der Abschied fiel bewusst zurückhaltend aus und passte damit zur Figur. Hinter dem Ausstieg stand kein öffentlich bekannter Streit. Sie erklärte vielmehr, sich wieder stärker anderen künstlerischen Aufgaben zuwenden zu wollen.
Preise als Spiegel einer ungewöhnlich breiten Karriere
Die Liste ihrer Auszeichnungen umfasst nahezu alle Arbeitsfelder, in denen sie tätig ist. 2002 wählte die Kritikerjury der Zeitschrift „Theater heute“ sie für ihre Leistung in Jon Fosses „Traum im Herbst“ zur Schauspielerin des Jahres. Für „Leben wäre schön“ erhielt sie 2004 sowohl den Grimme-Preis als auch den Bayerischen Fernsehpreis.
Hinzu kommen mehrere Deutsche Fernsehpreise, der Deutsche Schauspielerpreis, der Deutsche Filmpreis und der Theaterpreis „Der Faust“. 2013 wurde ihre Lesung von Christa Wolfs Erzählung „August“ mit dem Deutschen Hörbuchpreis in der Kategorie Beste Interpretin gewürdigt.
Bemerkenswert ist weniger die Anzahl der Preise als deren Verteilung. Sie wurde für Theater, Kino, Fernsehen und Hörbuchproduktionen ausgezeichnet. Das bestätigt eine Vielseitigkeit, die sich nicht nur auf den Wechsel zwischen verschiedenen Medien beschränkt. Auch innerhalb dieser Bereiche sucht sie nach gegensätzlichen Stoffen und Darstellungsformen.
Regie, Hörbücher und neue Bühnenprojekte
Ihre Stimme ist aus zahlreichen Hörspielen und literarischen Lesungen bekannt. Sie interpretierte unter anderem Texte von Christa Wolf, Judith Schalansky und Marguerite Duras. Beim Hörbuch kann sie sich nicht auf Kostüm, Bewegung oder Bühnenbild stützen. Bedeutung entsteht allein durch Betonung, Tempo und Pausen – Fähigkeiten, die aus ihrer langen Theaterarbeit hervorgehen.
2017 erschien „MENSCHENsKIND“, eine gemeinsam mit dem Filmjournalisten Knut Elstermann entwickelte Gesprächsbiografie. Das Buch verbindet Erinnerungen an Kindheit, DDR, Theaterarbeit, Familie und Musik, ohne wie eine lückenlose Lebenschronik angelegt zu sein.
Inzwischen arbeitet sie zudem als Regisseurin. Ihr Regiedebüt an der Komischen Oper gab sie 2022 mit „Pippi Langstrumpf“. Danach inszenierte sie Engelbert Humperdincks Märchenoper „Hänsel und Gretel“. Beide Arbeiten zeigen, dass ihr Interesse am Theater längst über das eigene Spielen hinausgeht. Für die Spielzeit 2026/27 sind weitere Auftritte an der Komischen Oper angekündigt; außerdem ist für 2027 das eigens für sie entwickelte Songspiel „Cast a Diva“ vorgesehen.
Fazit
Dagmar Manzel hat eine Karriere aufgebaut, die sich einfachen Kategorien entzieht. Sie ist Charakterdarstellerin, Sängerin, Hörbuchinterpretin und Regisseurin, ohne dass einer dieser Bereiche wie ein bloßer Zusatz wirkt. Das Deutsche Theater formte ihr schauspielerisches Fundament, Film und Fernsehen machten ihre Genauigkeit einem breiten Publikum sichtbar, und die Komische Oper eröffnete ihr einen Raum für musikalischen Witz und große Verwandlungskunst.
Ihr Abschied vom „Tatort“ bedeutete daher keinen Rückzug aus dem Beruf. Er war eher die Rückkehr zu jener Offenheit, die ihre Laufbahn von Anfang an bestimmt hat: eine neue Aufgabe annehmen, wenn sie künstlerisch etwas anderes verlangt als die vorherige.
Häufige Fragen
Wann wurde Dagmar Manzel geboren?
Sie wurde am 1. September 1958 in Berlin-Friedrichshagen geboren.
Spielt Dagmar Manzel noch im Franken-„Tatort“?
Nein. Nach zehn Folgen stieg sie auf eigenen Wunsch aus. Ihr letzter Fall als Paula Ringelhahn war „Trotzdem“, der 2024 ausgestrahlt wurde.
Ist sie auch Sängerin?
Ja. Neben ihrer Schauspielarbeit tritt sie regelmäßig in Operetten, Musicals und Liederabenden auf, besonders an der Komischen Oper Berlin.
Welche Filme gehören zu ihren bekanntesten Arbeiten?
Zu den bekannten Produktionen zählen „Coming Out“, „Schtonk!“, „Die Unsichtbare“, „Frei nach Plan“, „Willenbrock“ und „Crazy“.
Hat sie Kinder?
Ja, sie hat zwei Kinder. Zu ihnen gehört die Schauspielerin Klara Manzel. Weitere private Einzelheiten hält sie weitgehend aus der Öffentlichkeit heraus.
